Containern – Wenn das Dinner aus der Tonne kommt

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Containern – das Essen aus der Tonne. Die meisten sind allein bei dem Gedanken angewidert. Auch ich gehörte zu genau der Sorte Menschen – bis ich es selbst ausprobiert habe.

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Laut einer Studie des WWF von 2015 werfen die Deutschen 18,4 Millionen Lebensmittel im Jahr weg, 40 Prozent davon in Privathaushalten. Der Rest kommt unter anderem bei Supermärkten in die Tonne. Oft sind die Lebensmittel noch verzehrbar, gerade erst abgelaufen. Trotzdem ist das sogenannte Containern – also sich das Weggeworfene aus den Mülleimern der Märkte zu fischen – verboten und verpönt. Aber ist das wirklich so eklig, wie es klingt?

Containern muss doch eklig sein?

Eigentlich wollte ich diesen Text schon vor Ewigkeiten schreiben, spätestens seitdem Maddie von Daria Daria das Thema aufgegriffen hat, steht es aber fest auf meiner Themenliste. Denn es ist wichtig drüber zu sprechen. Ich kann mich nämlich noch ganz gut daran erinnern, als einer meiner Facebookfreunde vor Jahren ein Foto mit ganz vielen Lebensmitteln gepostet hat. Die Caption: “Freunde, das habe ich heute beim Containern erbeutet, ihr seid alle herzlich eingeladen.” Das fand ich erstmal furchtbar eklig. Diese Einstellung hat sich ziemlich gewandelt.

Das erste Mal Containern war ich vergangenen Mai zu Recherchezwecken für die Titelgeschichte für das Magazin, bei dem ich arbeite. Ich habe zwar nicht an der Geschichte mitgeschrieben, fand das Thema aber trotzdem interessant. Als meine Kollegin gefragt hat, ob jemand mit möchte, sagte ich sofort zu. Wir haben uns für abends verabredet, fuhren mit einer großen Ikea-Tüte im Schlepptau zu einem der lokalen Supermärkte. Ein Insider hatte uns verraten, wo man in Fulda am besten Containern gehen könne.

Abgepackte Pilze, Salate, ein hübscher Blumenstrauß

Es war kurz nach Ladenschluss, der Parkplatz verlassen, die Container stehen quasi offen dort rum. Keine großen Müllcontainer, sondern flache aus Plastik, bei denen man lediglich den Deckel abnehmen muss. Und genau das haben wir getan und sofort mit dem Wühlen angefangen. Denn natürlich ist Containern kein bequemer Einkauf, man muss erstmal durch ziemlich viel vergammelte Sachen stochern, die tatsächlich eine Daseinsberechtigung im Abfall haben. Was man aber zwischen verschimmelten Melonen und verdorbenem Fleisch findet hat uns schockiert: Champignons, die ich in dem Zustand noch im Laden gekauft hätte, lauter abgepackte Salate, Aufschnitt, sogar einen hübschen Blumenstrauß, kleine Blumentöpfe und eine Zimmerpflanze.

Voller Euphorie über die geschenkten Lebensmittel wühlten wir uns durch die drei Mülltonnen, ständig entdeckten wir etwas Neues, das in unsere Tüte wanderte. Es machte sogar Spaß, es war wie eine Art Schatzsuche. An dem Abend fuhren wir noch zu einem weiteren Supermarkt, auch dort waren die Tonnen so voll, dass wir gar nicht alles mitnehmen konnten, was noch gut war. Daheim angekommen teilten wir alles untereinander auf und zogen Bilanz: In einer Stunde hatten wir Essen für eine ganze Woche erbeutet. Natürlich rochen die Sachen nicht nach Rosen. Ich spülte also alles einmal gründlich ab und packte es dann in unseren WG-Kühlschrank.

Eine Tonne voll mit Süßigkeiten

Ein paar Tage später ging ich mit einem anderen Kollegen nochmal los. Was wir in den Containern vorfanden war noch schockierender als das Mal davor: Die ganze Tonne war voll mit Bountys, Mars und Schokoküssen – alles noch nicht abgelaufen. Warum man sowas einfach wegwirft: schleierhaft.

Plötzlich konnte ich auch einige meiner Freunde dafür begeistern. Alles Menschen, die wie ich nie im Leben dran gedacht hätten, mal Containern zu gehen. Schließlich ist das Thema mit vielen Vorurteilen belastet. Die meisten, denen ich davon erzählt habe, haben aber durchaus positiv reagiert. Zumindest nachdem ich ihnen die Fotos der Beute gezeigt habe. Einige Tage nach unserem Süßkram-Fund machte ich mich dann mit einer Freundin zum vorerst letzten Mal in meiner Container-Karriere auf, denn leider braucht man in Fulda dafür ein Auto.

Ein Umdenken ist gefordert

Euphorisch wühlten wir rum, plötzlich fuhr ein Auto auf den Parkplatz. Der Arsch ist uns beiden auf Grundeis gegangen, schnell haben wir versucht uns an der Hauswand zu verstecken. Denn Containern ist verboten. Wird man erwischt, können einem miese Strafen drohen. Genau das macht den Nervenkitzel aber auch aus. Ein Mann stieg aus dem Auto, hat uns prompt entdeckt, rief uns aber zu “Ihr könnt ruhig rauskommen, ich bin auch zum Containern hier.” Erleichtert haben wir uns wieder zu den Mülltonnen gewagt, uns mit ihm übers Containern ausgetauscht, unsere Einkaufstüten vollgestopft und uns gefreut, dass das nächste Abendessen wieder kostenlos sein wird. Zwar aus dem Müll, aber alles andere als ekelhaft.

Ein Thema, wo es definitiv an der Zeit ist, dass etwas passiert und umgedacht wird. Gibt es keine anderen Möglichkeiten als die Sachen wegzuschmeißen? Warum wird Containern bestraft? Und vor allem: Warum wird man schief angeschaut, wenn man erzählt, dass man Containern geht? Warum zur Hölle sollte es ekelhaft sein, noch abgepackte Lebensmittel aus der Tonne zu fischen und zu essen? Alles Fragen, die man sich und der Gesellschaft mal stellen sollte. Mit gutem Beispiel geht seit Kurzem Frankreich voran: Dort darf nichts mehr weggeworfen werden – es muss gespendet werden.

15 Comments

  • Reply
    Robert
    20. März 2017 at 17:23

    Wenn es logistisch günstiger ist, noch nicht abgelaufene Lebensmittel wegzuwerfen anstatt sie günstiger zu verkaufen/zu verschenken, läuft marktwirtschaftlich etwas falsch. Hier muss der Gesetzgeber eingreifen und endlich ein Gesetz schaffen, dass das verbietet. Dann müssen die Supermärkte halt besser planen beim Einkauf oder es dann verschenken.

    Danke für den Beitrag 🙂

  • Reply
    Doro
    20. März 2017 at 17:30

    Ich finde containern auch ziemlich spannend und unverständlich, warum Lebensmittel, die so noch in Ordnung sind, weggeschmissen werden. Mein Rewe um die Ecke bietet nicht ganz so schönes Obst und Gemüse meist stark vergünstigt an, aber selbst das wandert vermutlich zum Teil in den Container. Wenn es nicht verboten wäre, würde ich definitiv auch containern gehen, bei einer Ausgabestelle für die Lebensmittel wäre ich tatsächlich die erste.

    • Reply
      malinasternberg
      24. März 2017 at 14:22

      Jaa, ist halt verboten, wird aber eigentlich nicht wirklich geahndet… Solange du keine Container aufbrechen musst, würde ich mein Glück mal versuchen…. 😉

  • Reply
    Luisa
    20. März 2017 at 18:24

    ich finde es unfassbar, dass so viele noch gute lebensmittel weggeworfen werden anstatt sie entweder reduziert zu verkaufen, oder noch besser, an bedürftige abzugeben. weißt du eigentlich zufällig, warum containern verboten ist?

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    Sandra
    20. März 2017 at 22:48

    Ich habe bereits viele Reportagen zu dem Thema gesehen, dachte aber bisher, dass das in den Tonnen eher sehr unschönes Obst und Gemüse und abgelaufene Sachen sind. Wirtschaftlich betrachtet ist für mich nachvollziehbar, dass das Zurückschicken und Neuverpacken teurer ist als Wegschmeißen oder dass das günstiger Verkaufen oder Verschenken bedeutet, dass die Leute die Sachen nicht mehr für den vollen Preis kaufen wenn es sie sonst fast für lau gibt. Trotzdem ist das m.E. keine gesunde Wirtschaft. 🙁

    • Reply
      malinasternberg
      24. März 2017 at 14:21

      Ja, das dachte ich auch. Bis ich den ersten Container aufgemacht habe… Ist echt unglaublich, was da in die Tonne kommt.

  • Reply
    Ann
    21. März 2017 at 8:07

    Louisa, Kontainern ist verboten, weil es streng genommen Diebstahl ist. Ich finde auch, dass sie die Lebensmittel lieber spenden sollte als wegzuwerfen. Jedoch ist Deutschland nun einmal leider ein Land mit sehr krassen Regeln uns strengen Richtlinien.

    • Reply
      Luisa
      21. März 2017 at 20:06

      ja, dass es unter diebstahl fällt, hätte ich auch gedacht, allerdings erschließt sich mir trotzdem nicht, warum es so schlimm ist, lebensmittel zu “klauen”, die andernfalls nur auf dem müll verrotten würden. aber ich schätze mal, das ist einfach mal wieder ein klarer fall von deutschem bürokratischem schwachsinn.

  • Reply
    Isabella
    21. März 2017 at 11:30

    Ich finde das Thema sehr interessant…ich finde auch,dass man noch gutes Essen spenden sollte und nicht in einen Container vermüllen. Habe schon einige Dokus über das Thema gesehen und muss sagen, dass es eine Schande ist noch gut essbaren Lebensmittel wegzuwerfen;/
    Lg
    Isa
    http://www.label-love.blogspot.com

    • Reply
      malinasternberg
      24. März 2017 at 14:21

      Ohja, wie Recht du hast. Vor allem kann man das meiste ja noch lange nach dem MHD essen.
      Beste Grüße! 🙂

  • Reply
    Isabell
    21. März 2017 at 11:34

    Sehr interessanter Beitrag! Bisher habe ich mir da noch nie so Gedanken drüber gemacht, aber hätte auch nicht gedacht, dass der Müll unserer Supermärkte solche Ausmaße annimmt. Ich muss mal bei mir zuhause Ausschau halten, ob sowas auch bei mir in der Gegend ggf. umzusetzen wäre. 🙂

    • Reply
      malinasternberg
      24. März 2017 at 14:20

      Kann ich dir nur empfehlen! 🙂

  • Reply
    Jenni
    24. März 2017 at 8:33

    Liebe Malina,

    das ist ein wirklich spanennder Beitrag – ich danke dir dafür und freue mich, dass du dich dem Thema so mutig gewidmet hast! Ich selbst spiele schon lange mit dem Gedanken, auch Containern zu gehen, habe mich aber bisher noch nicht getraut – wegen rechtlicher Grauzone und allein durch die Tonnen spätebends wühlen und so…Ich denke, mit ein paar Leuten an seiner Seite ist das Ganze aber durchaus eine Sache, die ich auch angehen würde – es ist wirklich unvorstellbar krass, was da alles an Kalorien (und damit: Lebensenergie!) weggeworfen wird, weil wir meinen, wir hätten Ressourcen und Zeugs bis zum Umfallen. Ich mag mir das gar nicht vorstellen – aber es ist umso wichtiger, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, was hier eigentlich schiefläuft.

    Danke dir für den Beitrag!

    Liebe Grüße
    Jenni

    • Reply
      malinasternberg
      24. März 2017 at 14:15

      Hey Jenni,
      Danke für deinen lieben Kommentar! Einfach machen… Meine Kollegen hatten damals für das Thema auch mit den Supermärkten und der Polizei gesprochen. Es ist zwar verboten, aber so richtig dafür interessieren tut sich keiner. Zumindest hier nicht. Solange du halt wirklich keine Container aufbrichst….
      Kann es dir nur empfehlen, es mal auszuprobieren. Eigentlich hätte ich mal die Fotos von den vollen Containern, die ich gemacht hatte, hochladen sollen.
      Liebste Grüße!

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    Katharina
    18. April 2017 at 16:41

    Guter Beitrag zu einem wirklich aktuellen Thema! Mein Cousin hat mir gerade erst wieder von einem Großmarkt bei ihm um die Ecke berichtet, der jeden Tag einen Container Bananen ENTSORGT! Einfach traurig. Wer nicht selbst containern gehen will, kann sich auch auf der Seite https://foodsharing.de/ informieren, wo in seiner Umgebung gesammeltes Essen verschenkt wird.

    Ahoi, Katharina

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