Oliver Rath und das verrückte Interview

Gestern wurde bekannt, dass Fotograf Oliver Rath in der Nacht zum Freitag im Alter von 38 Jahren verstorben ist. Ich habe den Berliner letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse getroffen und hatte einen der wohl verrücktesten Nachmittage und Interviews überhaupt.

Jedes Jahr fahren wir Volontäre auf die Buchmesse nach Frankfurt. Jeder muss sich vorher ein Thema aussuchen, zu der er oder sie etwas macht. Da ich mich in der Literaturszene überhaupt nicht auskenne, dachte ich, dass ich einfach mal schaue, ob irgendwer im Bereich Bloggen, Social Media oder Fotografie auf der Messe unterwegs ist, den ich interviewen könnte. Interviews sind meiner Meinung nach nämlich die einfachste und coolste Form des Journalismus, denn man unterhält sich einfach mit dem Gegenüber und schreibt es nachher runter.

Ab auf die Buchmesse

Die Suchfunktion der Buchmessen-Seite spuckte mir schließlich Oliver Rath aus, der dort seinen Bildband “Berlin Bohéme” promoten wollte. Also schrieb ich eine Interviewanfrage, bekam einen Timeslot und fuhr auf die Buchmesse.

Vorm Interview gingen meine Kollegin Sophia und ich noch zu seinem Panel, eine Art Frage-Antwort-Runde. Schon da wurde mir klar: Okay, der Typ ist ziemlich durchgeknallt. Was vor allem für Interviews aber eher positiv ist.

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“Kommt vorbei, wir haben nackte Weiber!”

Danach machten wir uns dann zu seinem Buchstand, wo noch überhaupt nichts aufgebaut war. Sophia und ich halfen ihm und seiner Praktikantin sogar noch, lauter Poster aufzuhängen und Sticker zu verteilen. Oliver selbst klaute kurzerhand einfach einen Tisch vom Nachbarstand, musste ihn aber letztendlich doch wieder zurückgeben. Dann fragte er uns, wie man denn überhaupt so ein Buch richtig präsentiere, er hätte so etwas noch nie gemacht. Da wir ihm keinen Ratschlag geben konnten, stellte er sich räkelnd im Netzhemd vor den Stand und rief dem älteren Volk entgegen, dass sie mal vorbeischauen sollten, denn in seinem Buch wären lauter nackte Frauen.

Pillen uns Erbsen auf dem Boden

Schon da konnten wir nicht mehr vor Lachen, es war wirklich ein sehr sehr lustiger und kurioser Nachmittag. Dann setzten wir uns hin und ich stellte ihm meine Fragen, was nicht so unfassbar gut funktionierte, denn er erzählte lieber von irgendwelchen verrückten Partys mit ganz vielen Pillen und Erbsen auf dem Boden. Die wirklich pikanten Sachen habe ich in der Endfassung des Interviews allerdings lieber rausgelassen.

Nach dem Interview kam er dann auf die Idee, er wolle uns fotografieren und wir sollten mal in ein stilles Eckchen gehen. Das war uns dann doch etwas zu heikel, nackt wollte ich nicht auf der Buchmesse rumspringen. Auch für die zwielichtige Party später schlugen wir seine Einladung aus. Schade eigentlich, das wäre sicherlich noch spaßiger geworden, als der Nachmittag an seinem Stand.

 

Foto: Oliver Rath

“Ich bin kein notgeiler Bock” – Oliver Rath im Interview

Wie bist du überhaupt zur Fotografie gekommen?

Das ist immer die schlimmste Frage. Als ich ein Musikstudio hatte, gab es dort ziemlich wilde Partys. Da hatte ich so eine ganz schlechte Canon-Digitalkamera, und es hat mir damals schon viel Spaß gemacht, die leicht bekleideten Mädels zu fotografieren. Ansonsten habe ich viel Natur, Blumen, alles, was draußen wächst, geknipst, um zu lernen.

Erinnerst du dich noch an deine erste Kamera?

Das war tatsächlich besagte Canon. Und die war einfach richtig schlecht und war eigentlich nur für Diskoauftritte als DJ vorgesehen. Danach habe ich mir eine Leica Lumix gekauft, die war schon besser. Irgendwann bin ich auf eine Spiegelreflex aufmerksam geworden, und das war schon ganz geil. Ich habe mich dann in einem Fotostudio eingemietet, und dort wurde mir viel gezeigt: Blitzlicht, Blende und so weiter. Ab da bin ich viel in die Bücherei und habe mir alles selbst beigebracht.

Du bist Verfechter der digitalen Fotografie?

Ja, absolut. Ich bin einfach so ein Messie und würde es nicht gebacken bekommen, meine Filme abzugeben.

Woher nimmst du die Ideen für deine Fotos?

Eigentlich ist das meistens echt spontan. Ich will immer alles sofort umsetzen, sonst werde ich sauer. Auf meinem Handy ist eine riesige Liste mit Unmengen an Ideen. Wenn ich keinen konkreten Titel für das Foto habe, dann zeichne ich es in mein Skizzenbuch.
Viele sagen, deine Fotos seien provokant.

Bist du auch dieser Meinung?

Nee, gar nicht. Die wirklich provokanten habe ich noch zurückgehalten und noch nicht veröffentlicht. Vieles kann man

Du hast schon viele Berühmtheiten abgelichtet. Wie ist es zum Beispiel, einen Karl Lagerfeld vor der Linse zu haben?

Geiler Typ! Echt richtig witzig. Natürlich sind Stars meistens viel professioneller als ein Amateurmodel, aber einen großen Unterschied gibt es da nicht. Es gibt einige, die denken, wenn ich sie fotografiert habe, sind sie auch ein Star. Aber das stimmt einfach nicht. Im Prinzip haben sie ja überhaupt nichts geschafft. Die wahren Stars wie zum Beispiel die Scorpions werden umso bescheidener, je größer sie sind.

Hast du auch völlig andere Seiten als Fotograf an dir?

Ich fotografiere sehr gerne Gebäude und Architektur. Tatsächlich werde ich dafür auch manchmal gebucht, so als hätten sie meine Leidenschaft erkannt. Das zeige ich aber nicht auf meinem Blog.

Was macht ein Rath, wenn er nicht fotografiert?

Viel Sport: joggen, ins Fitnessstudio gehen. Zum Runterkommen lese ich gerne mal ein Buch. Klingt total langweilig eigentlich. Natürlich bin ich auch oft auf den wildesten Partys.

Wo trifft man dich in Berlin, wenn du nicht gerade auf einer fetten Fete bist?

Meistens in meinem Atelier, das heißt RathFactory und wurde vor circa einem halben Jahr gegründet. Es ist aber noch nicht fertig, die Eröffnung wurde schon dreimal verschoben. Die ersten Feten sind dort trotzdem schon gewesen.

Dein Buch stellt den Zeitgeist von Berlin dar. Wie inspiriert dich die Stadt?

Immer noch sehr. Am meisten inspirieren mich aber die Begegnungen in den Wohnungen, in denen die Leute, die ich fotografiere, leben. Da erlebt man viele verrückte Sachen, die einfach typisch Berlin sind.

Was machst du, damit sich deine Models während des Shootings auch wohlfühlen?

Sie lernen mich einfach kennen. Ich bin kein notgeiler Bock, ich nutze solche Shootingsituationen nicht aus. Deswegen fühlen sich die meisten dann auch wohl.

Neben der Fotografie malst du auch. Wieso hast du damit angefangen?

Ich habe als Kind schon immer gemalt, damals noch viele Monster. Heute male ich Prominente, die ich nicht knipse, zum Beispiel Brigitte Bardot oder Blixa Bargeld, den ich zwar auch schon fotografiert habe, ihn dann halt in jung male. Um mich so richtig als Künstler zu fühlen, habe ich natürlich versucht zu malen und dabei eine Flasche Rotwein zu trinken. Das ist aber eine echte Herausforderung. Vielleicht trinken richtige Künstler einfach noch mehr.

Vermisst du deine Arbeit als DJ manchmal?

Total, deswegen lege ich auch wieder auf. Wir heißen Ehret & Rath, zwei Männer mittleren Alters, die nochmal richtig Gas geben, und wir füllen Hallen. Unsere Musik ist eine Mischung aus Elektro und Hip Hop, und man findet mich dort dann meistens oben ohne am abraven.

Was ist dein nächstes Ziel als Fotograf?

Den ganzen Sommer habe ich am Computer gesessen, das Buch gelayoutet, Fotos ausgesucht. Es ist aber irre schwierig, dann tatsächlich eine Auswahl an Bildern zu treffen. Welches nehme ich, welches nehme ich nicht? Deshalb suche ich im Prinzip nur noch einen Namen für ein zweites Buch. Die Fotos hätte ich schon.

 

Zuerst veröffentlicht im move36-Magazin, Ausgabe 48, Dezember, 2015. Foto: Oliver Rath.

3 Comments

  • Reply
    STRYLINKS #88 - stryleTZ
    24. August 2016 at 10:18

    […] Berliner Fotograf Oliver Rath ist viel zu früh von uns gegangen. Dass dieser Mensch außergewöhnlich war, spiegelt das […]

  • Reply
    Dan
    7. September 2016 at 12:45

    Sehr schöner Blogpost. Solche Menschen sind immer mit ihrer “Fuck everything, I’m gonna do my own thing” attitude total inspirierend. Vor allem in so einer Welt, die so sehr von gesellschaftlichen Normen geprägt ist. Mich von ihm nackig fotografieren lassen.. hmm schwierig, vielleicht wenn ich in good shape wäre hahaha, aber auf die Party wäre ich mega gerne gegangen. 😛 Cool, dass du so eine Persönlichkeit echt mal kennenlernen durftest.

    Liebe Grüße,
    Dan
    http://www.misplaced-mirth.com

    • Reply
      malinasternberg
      7. September 2016 at 22:34

      Ja, war so im Nachhinein gesehen echt eine Ehre! 🙂
      Liebe Grüße, Malina

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